- 16.1.2012 8:00 -
Die Fliege in der Suppe – Avi Mograbi
Avi Mograbi ist Jude. Er wurde 1956 in Tel Aviv geboren. Seine Herkunft ist zwar ein Werk des Zufalls, im „Apartheitsstaat“, wie er selbst den israelischen Staat nennt, spielt sie jedoch eine Schlüsselrolle. Nur weil er Jude ist, konnte er seinen vermutlich bekanntesten Film Avenge But One of My Two Eyes drehen, der teilweise auf dem heißen Boden der Grenzübergänge, sog. militärischer „Checkpoints“, im Gaza-Streifen spielt. Als Palästinenser hätte er wohl kaum das Objektiv seiner Kamera auf israelische Soldaten richten können – oder zumindest nur einmal … Der jüdische Ursprung von Avi Mograbi ist auch der wichtigste Faktor, der sein ganzes Leben lang das Grundthema seines filmischen Schaffens bestimmt hat. Mograbi findet sich auf eigene Weise mit der jüdischen Identität des israelischen Staats ab. Er kämpft damit, er lacht sie aus, hält von ihr Abstand und analysiert sie, aber er gibt sie nie auf. Die Politik wurde zum natürlichen Bestandteil seiner Auffassung der Dokumentaristik. Er hat es allerdings nicht leicht. Als „Linker“ steht er an dem Ende des politischen Spektrums, an dem der Großteil der israelischen Gesellschaft gerade nicht steht. Das israelische Publikum „bestraft“ ihn dafür mit einem ansehnlichen Desinteresse an seinen Filmen. Umso größeren Anklang finden seine politisch nicht korrekten Themen im Ausland. Neben dem bereits erwähnten Avenge But One of My Two Eyes, der 2005 auf dem Festival in Cannes aufgeführt wurde, stellt das DAFilms-Portal nächste Woche weitere wichtige Werke aus seiner Filmographie vor. Neben seinen sehr persönlichen, ironischen Gesellschaftskommentaren Happy Birthday Mr. Mograbi und How I Learned to Overcome My Fear and Love Arik Sharon fesselte insbesondere das „tragische Dokumentarfilm-Musical“ Z32 die Aufmerksamkeit der internationalen Filmkritik. Ein junger jüdischer Soldat hat während seines Wehrdienstes im Rahmen einer Vergeltungsaktion zwei palästinensische Polizisten getötet und sucht mithilfe seiner Freundin Vergebung. Mograbi inszeniert seine Filmbeichte etwas wie Brechts Dreigroschenoper, mit dem typischen entfremdenden Element des Kommentators, der die einzelnen Bilder des Werks einführt. In Schlüsselmomenten der Geschichte steigt Mograbi ganz aus der Handlung aus und erzählt sie im Geiste von Kurt Weills Couplets zu Ende. Unpassende Ironie oder schmerzhafte Absurdität? Das hängt vom Zuschauer ab. Avi Mograbi hat das Pech (oder den Vorteil), dass er zum „Gesicht“ seiner eigenen Filme geworden ist. Seine Auffassung der Kinematographie ist sehr persönlich. Der Körper seiner Arbeit ist sein eigener Körper, seine Filme garantiert er durch seine eigene Person. Er hat eine seltene Gabe: Er kann sich selbst auf den Arm und trotzdem sein Thema todernst nehmen. Er glaubt nicht an „Beobachten“, seine Kamera ist immer ein Bestandteil der Handlung. In Anlehnung an den englischen Begriff der „Fliege an der Wand“ (Fly on the wall), der einen unbeteiligten, beobachtenden Dokumentarfilmstil bezeichnet, nennt er sich selbst mit gespenstischer Selbstironie „Fliege in der Suppe“ (Fly in the soup). Er steckt mitten drin. Bis über beide Ohren. Er kann den Zuschauer verärgern oder verekeln, aber man kann ihn nicht übersehen.
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