- 23.1.2012 6:00 -
Mongole oder Chinese?
„Sind Sie Chinese oder Mongole?“ hofft der Immigrationsbeamte erfolglos auf eine Antwort auf diese scheinbar einfache Frage. Und läuft langsam rot an. Seine jüngere Kollegin ist schon vor einer Weile „explodiert“ und beruhigt sich jetzt auf dem Hof mit einer Zigarette. Ein junger Äthiopier greift sich machtlos an den Kopf, und es scheint, als würde er jeden Augenblick aus dem Fenster springen wollen. Wörter, Schreie, Bitten und Tränen – Unruhe, Stress und Emotionen hängen in der Luft. Mit anderen Worten: ein absolut normaler Tag im Familienimmigrationszentrum (CAFDA) in Paris. Gerade hierher kommen täglich Dutzende Menschen aus der ganzen Welt. Alle haben eine anstrengende Reise hinter sich, sie sind müde, hungrig, unausgeschlafen, mittellos, obdachlos und sprechen noch dazu meist nicht mehr als ein paar Worte französisch. Es ist kein Wunder, dass das Geschehen im Amt auf den ersten Blick als uferloses Getümmel erscheint. Erst bei aufmerksamer und langfristiger Beobachtung lichtet sich das Chaos und verwandelt sich in die Umrisse einer festeren Ordnung. Das Filmemacherduo – Claudine Bories und Patrice Chagnard – hat für die Aufnahmen zu The Arrivals mehr als ein halbes Jahr in den Büros der CAFDA verbracht. In dieser Zeit defilierten vor ihrer Kamera viele Gesichter und Lebensschicksale, aus denen sich nach und nach die Protagonisten dieses Langzeitdokumentarfilms herausprofilierten. Die Filmemacher wurden zu einem natürlichen Bestandteil des Geschehens, ohne selbst daran teilzuhaben. Die Kamera gibt sich größte Mühe, jene „Fliege an der Wand“ (Fly on the Wall) zu sein – sie ist zwar beim Geschehen dabei, versucht jedoch, es möglichst wenig zu beeinflussen. Der beobachtende Stil des Films erinnert ein bisschen an die bekannten Filme des klassischen amerikanischen Dokumentarfilmers Frederick Wiseman, der sich immer vor allem auf die detaillierte Sondierung der Funktionsweise verschiedenster gesellschaftlicher Institutionen (Krankenhäuser, Versicherungen, psychiatrische Anstalten oder Polizeistationen) konzentrierte. Im Gegensatz zu Wiseman konzentriert sich das französische Duo jedoch mehr auf die einzelnen Protagonisten als auf die Funktionsweise der Institution selbst. Darin besteht der große Beitrag ihres Films: Er gibt denjenigen Individualität zurück, die oft nur als repräsentative Masse oder als Ziffernfolge wahrgenommen werden. Und das betrifft nicht nur die Asylbewerber, sondern auch die Beamten selbst, denn auch diese haben ihre einzigartigen Leben und Schicksale. Diese empathischen Mikroporträts der Beteiligten auf beiden Seiten der Barrikade machen deutlich, dass das Geschehen auf einem Amt nichts Mechanisches ist. Dass es vielleicht nicht so sehr auf das richtig ausgefüllte Formular ankommt als vielmehr auf das Auftreten, gegenseitige Sympathien und Antipathien, auf guten Willen, Geduld, Kommunikationswillen und vor allem auf Vertrauen. Dass der Film auch Momente nicht vermeidet, in denen Emotionen die Herrschaft über die Situation übernehmen (und damit sind nicht nur Momente der Verärgerung oder der Aggression gemeint), macht den gesamten bürokratischen Prozess menschlich. Er macht ihn erträglich, verständlich und – warum sollte man es nicht sagen – auch unterhaltsam.
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